(1) von Bernhard Vogel
Vom “längsten Abschiedskonzert der Musikgeschichte” hat man gesprochen und damit in etwa die letzen beiden Jahrzehnte (oder auch: ein Drittel) von Frank Sinatras dokumentierter professioneller Sangeskarriere (1935-1995) gemeint, jene 22 Jahre nämlich, die Sinatras ‘Rücktritt vom Rücktritt’ ab 1973 noch folgten. Eine immer wiederkehrende Fabel, stets wohlfeil: Frankieboy, der einzigartige Pop-Star der US-amerikanischen Vierziger Jahre. The Voice, die legendäre Capitol-Stimme des ‘Great American Songbook’ der Fünfziger Jahre. The Boss, die dominierende Persönlichkeit im Showbiz der frühen Sechziger Jahre, die dann nocheinmal mit ‘Strangers In The Night’ späte Triumphe feierte. Dann der Rücktritt 1971 – und seit 1973 aneinandergereihte ‘Encores’, als ständige Beschwörung längst vergangener Höhepunkte durch einen, der nicht wusste, wann man aufhören sollte.
Nun wird niemand, der sich mit der musikalischen Hinterlassenschaft Frank Sinatras ernsthaft auseinandersetzt, bestreiten wollen, dass der Sänger zum Zeitpunkt seines “Comebacks” 1973 seine im eigentlichen Sinne stimmlichen Höhepunkte längst überschritten hatte – dies folgt allein schon aus der Natur “der Sache”, der Gesangs-Stimme nämlich, die natürlicherweise spätestens ab dem fünften Lebensjahrzehnt abzubauen beginnt. Doch liegt genau in dieser objektiven Feststellung der Kern einer grandiosen Fehlbeurteilung von Sinatras musikalischer Kunst: Auch zu seinen stimmlich besten Zeiten (in etwa wären das wohl die Jahre 1945-1962) war Sinatra niemals ein schulmusikalisch “reiner Bariton” – all jenes, was (auch sinatrafreundliche) Musikpuristen Sinatras Aufnahmen der 70er und 80er Jahre in dieser Hinsicht vorgeworfen haben, liesse sich relativ mühelos auch an Aufnahmen der unumstritten ‘klassischen Periode’ nachweisen.
Der Irrtum ist leicht zu benennen: Frank Sinatra war – nicht nur “in erster Linie”, sondern vollends – ein Interpret, ein Künstler, dessen Kunst allein (und das heisst eben nicht wenig!) darin bestand, die lyrischen Komponenten seiner Lieder lebendig werden zu lassen. Dazu gehören natürlich die zahlreichen Balladen oder ‘Saloon Songs’, deren “Story” sich manchmal erst durch seine Interpretationen vollends entfaltete, aber auch die vielen kleinen Details – als eines unter Hunderten sei als Beispiel sein “it would bore me terifffffffffffffic’lly, too” in der Erstaufnahme von “I Get A Kick Out Of You” (Capitol 1953) in Erinnerung gerufen. Grosse Interpretationskunst aber wiederum ist, grundlegende sangliche Qualitäten voraugesetzt, nicht nur unabhängig von “genau getroffenenen Tönen”, sondern vermag sogar mit (angeblich) “ungenau” Getroffenem interpretatorisch zu arbeiten – und ich bin der festen Überzeugung, dass kein Sänger seiner Sparte mit diesem durch das Alter natürlich wachsenden Stilmittel besser umgegangen ist, oder jemals besser umgehen wird, als Frank Sinatra es in den letzten beiden Jahrzehnten seiner Karriere getan hat.
Gleichzeitig lässt sich aber in diesem Sinne Sinatras Musik der Jahre 1973-1995 nicht als stimmlich beständig abnehmende, interpretatorisch stetig gewinnende Periode bewerten. Noch während seiner Deutschlandtournee 1993 sang Sinatra in den langsamen Passagen seiner Balladen durchweg besser als während seines “Einbruchs” 1974/75: Mehrmals hat es in den ‘Retirement Years’ ein “Auf und Ab” gegeben, sind Umbrüche und Neuanfänge zu verzeichnen, die eine differenzierte Betrachtung dieser Epoche reizvoll erscheinen lassen, zumal die grosse Mehrheit von uns, soweit wir Sinatra noch selbst live erlebt haben, heute von Konzerteindrücken dieser Periode zehrt.
Unter Sinatra-Puristen, das sei an dieser Stelle hinzugefügt, war Franks Entschluss von 1973, ins Studio und auf die Bühne zurückzukehren, lebhaft umstritten, und auch wenn die ablehnenden Meinungen später nicht zuletzt von Sinatra selbst ad absurdum geführt worden sind (das berühmte “Theme from ‘New York New York’” wurde im Sommer 1979 im Studio aufgenommen, vierzig Jahre nach seiner ersten Plattenaufnahme mit Harry James, und Sinatra war fast 65 Jahre alt – eine Mitteilung, mit der man bis heute angebliche Insider noch immer überraschen kann), so sind sie doch in gewisser Weise für die Schablonen, mit denen sein Schaffen fortan journalistisch kommentiert wurde, bestimmend geblieben, besonders in unseren Breiten.
Ein weiterer Punkt: Auch wenn man “Duets I/II” (1993/94 – Sinatras mit Abstand grösste, man mag es mögen oder nicht, kommerzielle Erfolge seiner gesamten Karriere!) ausser Acht lässt, waren die “Retirement Years” die erfolgreichsten zwei Jahrzehnte von Frank Sinatras Laufbahn: Zahlreiche ausverkaufte internationale Solo-Tourneen, bahnbrechende Auftrittsserien in zuvor uneinnehmbar erscheinenden Konzertpalästen wie der New Yorker Carnegie Hall, oder auch der Londoner Royal Albert Hall, und die alle US-amerikanisch-nationalen Rekorde brechende “Ultimate Event” Tour (1988/89) mit Sammy Davis jr. und Liza Minnelli legen davon Zeugnis ab. All dies lässt es lohnend erscheinen, die “Post-Retirement”-Periode Sinatras einmal ausführlich Revue passieren zu lassen. Bewusst ist dafür die Überschrift “Harvest Sinatra” gewählt: Die musikalisch-interpretatorischen Zeugnisse dieser Jahre sind nämlich allesamt gleichsam die “Ernte” Sinatras, die reife Frucht einer Verbindung aus mehr oder weniger angeborenem lyrischen Talent und der sprichwörtlichen Weisheit des Alters, kombiniert mit einer über Jahrzehnte gewachsenen musikalischen Naturbegabung. Zur Erntezeit freilich gehört stets das ‘blinde Korn’, und so sollen die Kapitel dieser Serie keinesfalls ein Katechismus zum Sinatra-Erntedankfest sein, sondern vielmehr dazu anregen, den ‘späten’ Sinatra in seinen vielen Stärken, aber auch in seinen zahlreichen Schwächen neu bzw. wieder zu entdecken und gegebenenfalls darüber in unserem Mitgliederforum zu streiten, jedenfalls aber dazu beizutragen, das Klischee vom “ewigen Abschiedskonzert” zu revidieren. Am Ende jeder Folge sind einige knappe diskographische Hinweise zu finden.
1 – Ol’Blue Eyes Is Back (1973)
22 Monate und vier Tage nach seinem ‘Retirement Concert’ stand Sinatra erstmals wieder auf einer Konzertbühne, wenn auch nur im Rahmen einer politischen Privatparty: Am 17. April 1973 trat er im East Ballroom des Weissen Hauses in Washington anlässlich einer von Präsident Nixon zu Ehren des italienischen Ministerpräsidenten Andreotti veranstalteten Gala auf und sang zehn Songs, begleitet von der präsidialen Marine-Band unter Leitung von Nelson Riddle.
Ein Vergleich mit dem Auftritt vom Juni 1971 ist nicht zuletzt wegen der teilweise identischen Liedprogramme reizvoll. Sinatras Stimme war dunkler geworden, klang mitunter auch rauher, hatte aber nichts an ihrer lyrischen Schärfe und Klarheit eingebüsst, wie sich besonders im Duett mit Al Violas Gitarre bei “Try A Little Tenderness” oder beim faszinierend kraftvollen “Ol’Man River” zeigt. (In den beiden folgenden Jahren sollte Sinatra allerdings ziemlich deutliche stimmliche Probleme bei Live-Auftritten bekommen.) Als Schlussnummer wählte Sinatra seinen Oscargekrönten Song “The House I Live In” von 1945, ein damals im Geist des demokratischen Widerspruchs gegen republikanische Rassenschranken aufgenommenes Stück, nun als patriotisches Bekenntnis gesungen, das zugleich Sinatras politischen, unter seinen Fans nicht unumstrittenen “Frontenwechsel” markierte.
Sieht man vom mitunter etwas hölzernen Swing der Armeekapelle ab, ein musikalisch rundrum gelungenes “Warm-up” für den folgenden Rücktritt vom Rücktritt. Ganz aus dem Rampenlicht verschwunden war Sinatra in den beiden Jahren zuvor sowieso nicht gewesen; mehrmals hatte er Kurzauftritte gehabt, etwa 1972 auf Wahlkampfpartys für Vizepräsident Spiro Agnew, für den er “The Gentleman Is A Champ” (The Lady Is A Tramp mit neuem Text von Sammy Cahn) zum Besten gab. Im Mai 1973 liess Sinatra übrigens eine ähnliche Parodie produzieren und nahm eine spezielle persönliche Geburtstagssingle für Maureen Starr, die Frau von “Beatle” Ringo, auf (“she sleeps with Ringo/but she thinks of me/that’s why the lady is a champ”).
Sinatra nahm nun zunächst noch keine Live-Engagements an, sondern konzentrierte sich ganz auf die Studioaufnahmen für sein “Come-back-Album” bei Reprise. Nach einem ersten Versuch am 30. April – Sinatra nahm mit einer siebenköpfigen ‘Rhythm Section’ unter Leitung von Don Costa “Nobody Wins” und “Noah” auf, war aber mit dem Ergebnis so unzufrieden, dass Reprise auf sein Geheiss hin alle Masterbänder dieser Session vernichten liess – folgten fünf abendliche Sessions in den Goldwyn Studios in Hollywood (4.-5.6., 21.-22.6. und 20.8.), bei denen insgesamt 13 Songs mit Sinatra aufgenommen wurden. Zu dem (bei wechselnden Besetzungen) etwa vierzigköpfigen Orchester zählten einige altgediente Sinatra-Studiomusiker wie Pianist Bill Miller oder der seit frühen Capitol-Tagen vertraute Cellist Edgar Lustgarten.
Sinatra vertraute bei seinem Projekt hauptsächlich auf Gordon Jenkins als Arrangeur, jenen Mann also, der schon für so legendären Alben wie “Where Are You” (1957), “No One Cares” (1959), “All Alone” (1962) oder “September Of My Years” (1965) verantwortlich gezeichnet hatte; drei weitere Arrangements steuerte Don Costa bei. Mit dem gemeinsamen Ziel, einen neuen “Sound” für Sinatras LP-Projekt zu entwickeln, mag es zusammenhängen, dass für “Ol’ Blue Eyes Is Back” im Juli und August mehrere sogenannte “Nachbearbeitungs-Sessions” stattfanden, auf denen einzelne oder mehrere Studiomusiker weitere Instrumentalteile ein-spielten, die den bereits vorhandenen Mastern hinzugemischt wurden (vor allem für “Winners” und “Let Me Try Again”). Über die Zahl der Takes, die Sinatra selbst zur Fertigstellung der Aufnahmen benötigte, ist bislang nichts bekannt.
Aus heutiger Sicht künstlerisch konsequent erscheint Sinatras Maxime, nicht mit “alten Hüten” in die Charts zurückkehren zu wollen – im Liedprogramm der Sessions von 1973 dominieren Titel jüngerer Songwriter und Komponisten. Allein fünf Songs stammten aus der Feder von Joe Raposo; dazu kamen je ein Stück von Stephen Sondheim, Paul Anka, Sonny & “Cher” Bono, Kris Kristofferson, Teddy Randazzo, der Gebrüder John & Paul Williams, und Carolyn Leigh (die allerdings dank ‘Witchcraft’ und ‘The Best Is Yet To Come’ schon ihre Spuren in Sinatras Repertoire hinterlassen hatte).
Nur ein einziges der aufgenommenen Lieder entstammte der Feder eines ‘klassischen’ Texters: “Empty Tables”, das speziell für Sinatras Comeback 1973 vom besten aller Balladenpoeten Johnny Mercer (u.a. “One For My Baby”) und Franks lebenslangem Leibkomponisten Jimmy van Heusen geschrieben wurde.
Vier der 13 Songs fielen bei der endgültigen Zusammenstellung des Albums Ende August unter den Tisch, und wie so oft bei Sinatra muss das Urteil über die Richtigkeit dieser Entscheidung, was die musikalische Qualität betrifft, zwiespältig ausfallen. “Bang Bang (She Shot Me Down)”, der erste Song, den Sinatra 1973 im Studio aufnahm und der bis zum Erscheinen des “Reprise-Koffers” 1995 offiziell unter Verschluss blieb, war sicher kein grosser Verlust, zumal Sinatra dieses allenfalls durchschnittliche Stück 1981 nochmals aufgenommen und sogar zum Titelsong eines Albums erhoben hat. “Empty Tables” hingegen, wie erwähnt eigens für Sinatras Comeback geschrieben, ist dank Johnny Mercer und Jimmy van Heusen ein dermassen klassischer Saloon-Song, dass man sich nur darüber wundern kann, warum die Aufnahme später lediglich als Rückseite einer Single (“The Saddest Thing Of All” 1975) erschien und nie den Weg auf ein offizielles Album fand. Das Arrangement, in einer für Gordon Jenkins ganz untypischen Weise saxophon-betont, ist fabelhaft. Sinatra nahm den Song in den folgenden Jahren noch zwei weitere Male auf, darauf wird später zurückzukommen sein .
“Walk Away” von Elmer Bernstein und Carolyn Leigh (aus dem Film “How Now Dow Jones” von 1967), ebenfalls offiziell bis 1995 unveröffentlicht, entpuppt sich als kleines Schätzchen. In unnachahmlicher Weise gleitet Sinatras dunkler ge-wordene Stimme in einzelnen ‘typischen’ Silben (“walk awayyyyy / yesterdayyyyyyy-we had some fun-nnn, my love/but that fun-nnn is donnnne, my love”) über das trotz Streichern etwas flache Arrangement hinweg, und der Sänger, der in seinen Balladen so oft die unüberwindliche Trauer des Verlassenen über verflossene Liebe beschwor, steht hier seltenerweise auf der Seite desjenigen, der die Be-ziehung beendet (“remember the time/when I told you that I’m/not the kind to ever make it last”).
Raposos “The Hurt Doesn’t Go Away” schliesslich, 1975 ähnlich wie Empty Tables wiederum nur als Rückseite einer Single (“Anytime”) veröffentlicht, muss (neben “There Used To Be A Ballpark”) als beste Aufnahme Sinatras aus dem Jahr 1973 gelten. Dies wird besonders am Schluss deutlich, wenn das Or-chester Sinatras letzte Wiederholung der Titelzeile mit einem “offen” bleibenden Streichersatz beendet, dessen “stechenden” Ton nur Gor-don Jenkins so arrangieren konnte.
Das Album selbst wurde Mitte Sep-tember 1973 veröffentlicht und war mit einigem Erfolg ab dem 13.10. für 22 Wochen in den Billboard-LP-Charts vertreten (höchste Position 13). Erst kurz vor Torschluss wurde der Titel in “Ol’Blue Eyes Is Back” abgeändert; bis dahin war “Let Me Try Again” vorgesehen. Der Beinahe-Titelsong, arrangiert von Don Costa, hat seine Stärken in der of-fenkundigen Bezugnahme auf das Comeback (“I know I said that I was leaving/but I just couldn’t say good-bye/it was only self-deceiving/to run away from someone who means everything in life to you”, singt Sinatra an sein Publikum), kann jedoch in seiner eher kommerziell bestimmten Gesamtheit nicht an die autobiographische Stärke des “My Way” heranreichen.
Ein zweites Lied auf dem Album mit Comeback-Bezügen ist Raposos “You Will Be My Music” (“I can’t wait any longer if I’m wrong/I can’t wait any longer for my song”), das Sinatra bis in die späten achtziger Jahre hinein im Programm behielt (wie etwa auf “Sinatra 80th Live” von Capitol zu hören). Beide Songs erschienen auch als “Single-Auskoppelungen” (mit “Send In The Clowns” bzw. “Winners” als Rückseiten), allerdings mit wenig Erfolg. “Let Me Try Again” blieb zehn Wochen in den Charts, er-reichte aber nur Platz 63; “You Will Be My Music” schlug gar nur in den “Contemporary Adults Charts”, einer Art Billboard-Sonderkategorie für – ihrem Titel zum Trotz – unzeitgemässe Songs, für einige Wochen in unteren Rängen zu Buche.
Dass das Konzept von “Ol’ Blue Eyes Is Back” insgesamt als Erfolg zu verbuchen ist, hat man, so denke ich, vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Sinatras Stimme, in dunkleren Farben und mit teils ungewohnter Rauhheit erzählend, in allen Songs des Albums durch die speziellen Arrangements besonders betont wird. “Winners” etwa und auch “Dream Away” sind vom Text her reichlich klischeebehaftet, teilweise auch schlicht kitschig (“when the winter weds the Northern wind, the child they bear is snow”), aber der “neue alte” Sinatra bringt einen jedenfalls für mich recht unwiderstehlichen Sound in diese Lieder. Einzig der pseudobiblische Bezug von “Noah”, komplett mit seifigem Hintergrundchor, wird wohl Geschmackssache bleiben. Sinatras Version von Kristoffersons “Nobody Wins” mag etwas Überlänge haben, ist aber ein schönes Beispiel dafür, in welch poetisch anmutender Weise Sinatra solch zeitgenössisches Material zu verarbeiten imstande war, wenn er den Zeilen seinen persönlichen Stempel aufdrückte (“for there’s no neeeeeeeed-uh-to tryyyyyyyy-to-sa-yyyyy-ve what might have been”). Überhaupt zeichnen sich die Arrangements auf dem Album dadurch aus, dass sie Sinatras “trademark syllables” dominanten Vorrang einräumen.
Zwei absolute Highlights finden sich auf der Platte: das erste ist Stephen Sondheims “Send In The Clowns”, aus “A Little Night Music”, einer Broadway-Produktion desselben Jahres. Zwar sollte Sinatra später mit seiner Piano-Version des Songs die Interpretation noch erheblich verbessern, aber schon die “konzertante” Aufnahme mit Gordon Jenkins reiht sich nahtlos in die Folge seiner zeitlos packenden Saloon-Songs ein, so als ob ihm das Lied auf den Leib geschrieben worden wäre. Oder gibt es ein traurigeres Bekenntnis als “just when I stopped/opening dooooorsss/finally finding the one that I wanted was youuurrsss/making my entrance again with my usual flair/sure of my lines…./no one is there” ?
Der beste Song des Albums aber ist “There Used To Be A Ballpark”, von Joe Raposo speziell für Sinatra geschrieben. Klassisch die Szenerie: Das alte Stadion ist abgerissen, und mit ihm sind auch die ‘guten alten Zeiten’ an sich nurmehr Erinnerung – “klassischer”, im Sinne der von Sinatra verkörperten Balladentradition, geht es eigentlich gar nicht mehr. Jenkins’ Arrangement ist meisterhaft (zum Beispiel der Background zu “with the fireworks/exploding/ all across/the summer sky”), und einzig Sinatras Stimme und Timbre verwandelt einfachste Bilder in lyrische Gemälde (“and the skyyyyyy has got so cloudy” —”wolkige” Klangbilder im Arrangement! — “when it used to beeeeeee so clear/and the summer went so quickly/this year”). Genauer gesagt: es ist Sinatras gereifte “Comeback”-Stimme, die diesen Zauber hervorruft, und das Stück beweist, vielleicht ähnlich wie bestimmte Momente auf dem Album “Cycles” (1968), dass Sinatra problemlos mit modernem Liedgut reüssieren konnte, wenn nur die richtigen Songs ausgesucht wurden. Leider, so muss man hinzufügen, sollten die Studioaufnahmen der kommen-den Monate und Jahre aber zu-nächst nicht diesem vielversprechenden Weg folgen.
In denselben Septembertagen 1973, in denen die LP und die bei-den ausgekoppelten Singles auf Reprise herauskamen, ging Sinatra abermals ins Studio, um die Aufnahmen für ein TV-Special dessel-ben Titels zu machen, das erstmals am 18.11.1973 auf CBS ausge-strahlt wurde. Der grösste Teil der Show wurde am 20.9. vor einem Live-Publikum aufgezeichnet; dazu hatte Sinatra zahlreiche Kollegen und Freunde aus dem Showbiz eingeladen, die ihn mit herzlichem Applaus begrüssten, als er mit einigen Zeilen aus “You Will Be My Music” die Bühne betrat. Das erste Seg-ment der in vier Abschnitte gegliederten Show gehörte seinen Klassi-kern (Come Fly With Me, I Get A Kick Out Of You, Street Of Dreams, I’ve Got You Under My Skin, I’ve Got The World On A String), während Sinatra dann im Schlussteil Songs aus dem neuen Album prä-sentierte (Let Me Try Again, Send In The Clowns, Noah, You Will Be My Music). Zwei dieser Nummern fielen noch vor der Ausstrahlung des Specials der Schere zum Opfer: “Come Fly With Me”, und “Noah”, das, mit einem grossen Background-Chor aus als Engel verkleideten Sängern inszeniert, auch schwerlich in das angenehme Understatement der restlichen Showteile hineingepasst hätte.
Für den Mittelteil hatten sich Drehbuchschreiber Fred Ebb (“Cabaret”) und Choreograph Hugh Lambert, Sinatras Schwiegersohn, etwas besonderes einfallen lassen und brachten den grossen Gene Kelly auf die Bühne, der sich gemeinsam mit Frank in einem hinreissend gesungenen und getanzten Medley “We Can’t Do That Anymore” (geschrieben vom späteren “New York New York”-Team Fred Ebb und John Kander) an die gemeinsamen Zeiten bei MGM (“Anchors Aweigh” 1944, “Take Me Out To The Ballgame” 1949) erinnert. Beide Künstler kokettieren damit, für eine Wiederholung der Filmszenen zu alt zu sein, und legen doch gleichzeitig eine Vitalität an den Tag, die auch heute noch den Zuschauer zu begeistern vermag – Sinatra springt aus dem Stand in seines Tanzmeisters Arme! Anschliessend gibt Gene Kelly noch eine kurze Demonstration seines Könnens und tanzt zu einer ausgeschlafenen Version Sinatras von “Nice and Easy”.
Wenige Tage nach der Aufzeichnung der Live-Teile begab sich Sinatra dann nochmal ins Studio, diesmal ohne Publikum, um unter der Leitung von Gordon Jenkins eine Saloon-Trilogie aufzunehmen. Damit folgte er der Tradition seiner fünf vorangegangenen CBS-Specials (1965-1969), die ebenfalls speziell im Studio aufgenommene Saloon-Medleys enthielten. Die schlichte Inszenierung platziert den ‘Loner’ Sinatra diesmal allein am Tresen, und zum Rauch einer Zigarette erzählt der grösste aller Balladensänger die vielleicht beste aller Saloongeschichten seiner Karriere. Als Rahmenmotiv fungiert “Last Night When We Were Young”, zuvor bereits 1954 und 1965 von Sinatra aufgenommen, von Harold Arlen und Yip Harburg (“Over The Rainbow”): Der Sänger erinnert sich an die lange zurückliegenden Anfänge einer Liebe (“love was so new, so real, so right/a-yyyyyy-gessss-uh-agooo last night”). Um die Romantik des erinnerten Moments zu beschreiben, ist an dieser Stelle “Violets For Your Furs” eingebaut, jene wunderschöne Ballade, die Matt Dennis und Earl Brent 1941 für Dorsey/Sinatra schrieben (1953 nochmals für Capitol aufgenommen), und die eine Szenerie im winterlich verschneiten Manhattan beschreibt: “I bought you violets for your furs/and it was spring for a while, remember”. Sinatra interpretiert die Zeilen meisterhaft, man spürt förmlich jene heitere Beschwingtheit, die der Erzähler damals als Verliebter empfunden haben muss. Dann aber kehrt Sinatra zum “Rahmenlied” zurück, und die Stimmung wechselt: “Today, the world is old/you flew away, and time grew cold/where is that star that shone so bright/a-yyyyyy-gesss-uh-agooo last night”, und jetzt folgt Gordon Jenkins’ auf-wühlendes Meisterstück: “Maybe I should have sa-yyyy-ved those left-over dreamssss/funny, but Here’s That Rainy Day”. Es ist atemberaubend zu erleben, wie Sinatra hier mit seiner voller ge-wordenen Stimme dem Song eine neue Dimension des Lebens (oder sollte man sagen: des Sterbens?) gibt, obwohl doch die Capitol-Version von 1959 (aus dem Album “No One Cares”) eigentlich nicht mehr zu übertreffen ist. Den Schlusspunkt bilden dann die letzten Zeilen des Rahmenliedes: “So now let’s reminisce and recollect…” Der Bühnenwirkung der Geschichte war sich Sinatra offenbar bewusst, denn er behielt den Medley bis 1979 in seinem Konzertprogramm.
Mit dieser Aufnahme, die immer wieder anzuschauen bzw. anzuhören zum Pflichtprogramm aller Frankophilen gehören sollte (der Medley hätte es wahrlich verdient gehabt, für Reprise nochmals im Plattenstudio aufgenommen zu werden, wozu es leider nie gekommen ist), hatte Sinatra, so stellt es sich aus heutiger Rückschau da, sein altes Terrain vollends zurückerobert. Gleichzeitig aber hatte er auch die Latte hoch gelegt für die folgenden Monate – ab Januar 1974 wollte er seine übliche dichte Reihe von Konzerten wiederaufnehmen, und zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des CBS-Specials im November 1973 war er bereits ein knappes Jahr im voraus ausge-bucht, einschliesslich möglicher Tourneen in Übersee. Würde seine an täglichen Bühneneinsatz nicht mehr gewöhnte Stimme diesen Anforderungen standhalten können?
